Programm Winter 2018

Samstag,   27. 01. 2018  um  20 Uhr  .  Rundkirche  .  auf dem Tempelhofer Feld  .  Wolffring 72, 12101 Berlin
Sonntag,   28. 01. 2018  um  20 Uhr  .  Heilig-Kreuz-Kirche  .  Kreuzberg  .  Zossener Str. 65, 10961 Berlin


Iannis  Xenakis
1922 – 2001
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Voile
für 20 Streicher (1995)

“Xenakis … gab der Musik die Qualität zurück, die ihr die Serialisten in böser Erinnerung an die demagogische Beherrschung der Kunst vorenthalten hatten: das Archaische, Gewalttätige, Triebhafte, Unkontrollierbare.“ (Michael Struck-Schloen) Das kollidiert bis heute zuweilen heftig mit den Erfahrungen und Hörgewohnheiten des normalen Konzertbesuchers.

Seinen speziell an Streichinstrumenten erprobten Klangkosmos hat Xenakis im Alter nochmals neu durchforscht. Ein Beispiel dafür ist das 1995 komponierte Werk für 20 solistische Streicher “Voile“. Der doppeldeutige Titel meint nach Auskunft des Komponisten sowohl das Segel als auch den mysteriös verhüllenden Schleier. Musikalisch ereignen sich kraftvolle Klangskulpturen, die sich aus bohrenden Sekundreibungen zu kompakten akkordischen Gebilden auftürmen.

“Ich hatte keine Ahnung, was ich in der Welt des 20. Jahrhunderts eigentlich sollte. Immerhin gab es die Musik; und es gab die Naturwissenschaften. Sie verkörperten für mich die Verbindung zwischen Antike und Gegenwart.“ (Iannis Xenakis)

Iannis Xenakis wurde 1922 als Sohn griechischer Eltern in Rumänien geboren. Der Student der Mathematik und Physik schloss sich während des Zweiten Weltkrieges in Athen dem kommunistischen Widerstand an. Zu seinen frühen Erfahrungen – auch als akustisches Phänomen – gehörten Massendemonstrationen, der vieltausendfache Tritt der Entschlossenen auf dem Pflaster, die machtvoll skandierende Menge. Ein Granatsplitter verletzte ihn schwer im Gesicht. Der von der neuen Diktatur in Griechenland zum Tode Verurteilte floh 1947 nach Frankreich und fand in Paris als ausgebildeter Architekt im Büro von Le Corbusier Arbeit. Zwölf Jahre lang hat Xenakis diesen Beruf ausgeübt und synästhetische Überlegungen angestellt über den Zusammenhang zwischen Architektur und Musik. 1959 entschied er sich endgültig für das Komponieren.

Bei den Komponistenkollegen galt Xenakis als Spätentwickler, Quereinsteiger und -kopf. “Bei mir gibt es kein Grundmaterial. Jedes Mal beginne ich aus dem Nichts.“
Mit präzisem Sinn für das unerschlossene Klangpotenzial der traditionellen Instrumente und mit der architektonisch gedachten, räumlichen Vision von Schallausbreitung hat Xenakis die Musik als Naturgewalt neu entfesselt.

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Ludwig van  Beethoven
1770 – 1827
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Langsamer Satz aus Streichquartett Nr. 16 F-Dur op. 135
Assai lento, cantante e tranquillo, Des-Dur (1826) – in einer Bearbeitung für Streicher von Dimitri Mitropoulos

Beethovens letztes vollendetes Werk

Offenbar wollte Beethoven ein lediglich dreisätziges Quartett komponieren, schrieb aber vermutlich auf Wunsch seines Verlegers Schlesingers doch noch ein Quartett in vier Sätzen. Aus der Erinnerung zitierte Schlesinger im Jahr 1859 einen inzwischen verschollenen Brief Beethovens: “Sehen Sie, was ich für ein unglücklicher Mensch bin, nicht nur, daß es was schweres gewesen es zu schreiben, weil ich an etwas anderes viel größeres dachte, und es nur schrieb, weil ich es Ihnen versprochen und Geld brauchte …“

In der Rezeptionsgeschichte bewerteten viele Rezensenten das Quartett als rückwärtsgewandt und bemängelten einen Mangel an Komplexität. So schrieb Paul Bekker im Jahre 1911: “Es fehlen die starken geistigen Spannungen, es fehlen die tiefgreifenden und aufwühlenden Erregungen, die Probleme und Fragen“. Wulf Konold nannte das Phänomen eine “deutliche[r] Zurücknahme der Dimension des Anspruchs“ und meinte, eine “eine[r] fast klassizistische[n] Huldigung der beiden Vorbilder Haydn und Mozart“ zu erkennen.

Demgegenüber meinte allerdings Sieghard Brandenburg: “Aber wo gibt es denn tatsächlich ein Vorbild bei Haydn (oder bei dem jungen Beethoven selbst) auch nur für einen Satz von op. 135?“

Für den in abgeklärter Ruhe dahinfließenden dritten Satz notierte Beethoven auf einem Skizzenblatt “Süßer Ruhegesang oder Friedensgesang“. Es finden keine Veränderungen des Themas in Melodie, Tonart, Tempo oder Rhythmik statt; stattdessen wird das Thema von den vier Variationen des Satzes umkreist.

Eingeleitet wird der Satz von einem Des-Dur-Akkord; das kantable Thema beinhaltet zwei Halbsätze in insgesamt acht Takten. Alle Instrumente spielen es in tiefer Lage. Der Kern des Themas sind weder seine Melodik noch seine Rhythmik, sondern seine harmonische Struktur.

Gustav  Mahler
1860 – 1911
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Langsamer Satz aus der Sinfonie Nr. 10 Fis-Dur
unvollendet, begonnen 1910 – in einer Bearbeitung für Streichorchester von Hans Stadlmair

Die 10. Sinfonie von Gustav Mahler ist das letzte Werk des Komponisten – sie blieb unvollendet.

Keiner der fünf Sätze der 10. Sinfonie hat das Stadium der Partitur-Reinschrift erlangt. Lediglich der erste und zweite Satz sowie 30 Takte des dritten Satzes existieren als Partiturentwurf. Doch nur der Entwurf des ersten Satzes (Adagio) ist so weit instrumentiert, dass er ohne weitere Zusätze von fremder Hand gespielt werden kann. Dennoch handelt es sich hierbei nicht um eine Schlussfassung. Die Sinfonie liegt jedoch vollständig im Particell vor, sodass [der Musikwissenschaftler] Deryck Cooke mit einer gewissen Berechtigung feststellen konnte, es handle sich bei der Sinfonie nicht um ein Fragment, sondern um einen Torso sui generis.

Gustav Mahlers 10. Sinfonie sollte in den weit ausgreifenden Außensätzen ein großer autobiografischer Schmerz- und Klagegesang werden, worauf viele Annotationen in der Partitur hinweisen. Nach der Skizzierung der ersten beiden Sätze erfuhr Mahler vom Verhältnis seiner Gattin Alma mit dem Architekten Walter Gropius, was ihn in tiefe Verzweiflung stürzte. In dieser Zeit skizzierte er noch die restlichen drei Sätze und begann mit der Ausarbeitung in Partitur, die er nur im ersten Satz zum Abschluss brachte.

Leitung
Rainer Kimstedt
 
Karten
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